Ossuary 6 - Air by Kevin MacLeod (incompetech.com)
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Ariowist | Leseprobe Ariowist und Birkenfeuer | Leseprobe

Exklusive Leseprobe

Neuigkeiten
Ein Kapitel aus Ariowist und Birkenfeuer zum Probelesen

Erlebe zusammen mit Prinz Aldrĭn, wie sein Vater, der König Arkil, ihm sein Schicksal eröffnet: Er soll der nächste Ariowist werden - ein sagenumwobener Held, der als einziger Mensch den Apukunen bezwingen kann. Das folgende Kapitel ist die Vorlage für das Covermotiv von Ariowist und Birkenfeuer und bildet das zweite Kapitel des Buches.

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Das Schwert im Berg



Arkil wartete noch, bis der ganze Hofstaat den Saal verlassen hatte. Dann nickte er den beiden Palastwachen zu, woraufhin diese ebenfalls den Saal verließen und die Portaltüren hinter sich verschlossen. Er schritt zu einem kleinen Sockel hinüber, der nahe dem Thron stand, setzte seine Krone ab und legte sie behutsam auf den Marmor.
Der alte König sah zu den hohen Fenstern auf und blinzelte, während ihm die Strahlen der Abendsonne ins Gesicht fielen. Dann wandte er sich wieder Aldrĭn zu, der am Fuße der Stufen vor dem Thron verharrte. Er ging zu seinem Sohn hinunter und musterte ihn. Aldrĭn erwartete eine Erklärung, warum sein Vater ihn nach der Zeremonie gebeten hatte, noch zu bleiben. "Ich bin froh, dass du soweit bist. Darauf hatte ich gewartet", begann Arkil. Da er nicht weitersprach, entgegnete Aldrĭn nur knapp: "Ich habe mich immer bemüht."
"Ja, ich weiß. Aber du bist erst jetzt bereit, denke ich."
Sie gingen durch den Thronsaal auf eine Büste zu, welche für die Ehrung aufgestellt worden war. Sie bildete einen gesichtslosen Mann ab. Man hatte ihm den Helm und den Brustpanzer des Ritters von Waren angelegt, sodass Arkil ihm im Zuge der Zeremonie die Ehrenmedaille umlegen konnte. König und Prinz blieben einen Moment vor dem Denkmal stehen und verharrten, dann hob Arkil die Augenbrauen und schüttelte den Kopf: "Es ist eine Schande, dass wir inzwischen Tote mit Orden versehen, um sie im nächsten Moment zu vergessen." Aldrĭn hörte seinen Vater selten so ehrliche Worte sprechen, die zudem den höfischen Gepflogenheiten widersprachen. Arkil hatte den Kopf gesenkt, als wollte er seiner Scham Ausdruck verleihen und Aldrĭn musterte ihn. Auf einmal schien der alte König keineswegs mehr unantastbar, sondern durch und durch menschlich und angreifbar. Vor seinem inneren Auge hatte Aldrĭn sich schon oft selbst auf dem Thron gesehen, die Last und Bürde der Krone tragend, auch wenn zuerst dem älteren Dirion die Königswürde zuteil kommen würde. Es erschien ihm unerträglich. Wie sollte ein Mann über ein Reich herrschen, das so unfassbar groß war? Es fiel Aldrĭn schwer, sich vorzustellen, dass man als einzelner die Geschicke Hunderttausender lenken sollte.
Trotzdem gelang gerade das seinem Vater. Zu dem Preis, dass er nach außen hin immer eine übermenschliche Leitfigur darstellen musste.
Aldrĭn fand es zwar einerseits erschreckend, wenn er ihn in solchen Momenten wie jetzt für einen Augenblick gebrochen sah. Doch wurde ihm auch warm ums Herz, es erinnerte ihn daran, dass Arkil bloß ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Und mit einem Herzen, das beileibe nicht so hart war, wie man es ihm auf Ratsversammlungen und Rechtsprechungen zubilligen würde. Der König erhob seinen Blick und sofort war das Feuer in seinen Augen wieder entfacht, als er zu Aldrĭn sagte: "Du wirst dich einer Aufgabe stellen, wie du noch nie einer gegenüber gestanden hast."
Aldrĭn wartete auf eine Erklärung und wagte es nicht, irgendetwas Unüberlegtes zu entgegnen, während Arkil mit festem Blick die Reaktion seines Sohnes abwartete. Da Aldrĭn den Blick bloß wortlos erwiderte, bedeutete der König ihm, zu folgen und sie verließen den Thronsaal.

***


Die untergehende Sonne tauchte die Gänge, welche zur Westseite des Schlosses ausgerichtet waren, in rotgoldenes Licht, das den weißen Mauern eine ungewohnte Wärme verlieh. Aldrĭn grübelte darüber, wohin sein Vater ihn führte, denn die Gemächer der höheren Aristokraten, sowie die Ratssäle, Bibliotheken und Schreibstuben befanden sich alle in den östlichen Trakten des Schlosses. Sie schritten gerade durch einen Gang, in den das Abendrot durch eine Reihe hoher Fenster fiel. Diese glichen in ihrer Form denen des Bogengangs, doch war hier kein Glas eingesetzt, sodass ständig ein kühler Luftzug vom angrenzenden Gebirge herüberwehte. Von diesem Trakt aus erreichte man die Kammern der Diener und Mundschenke, sowie der Knechte und Mägde, die in der Küche arbeiteten. Manchmal übernachteten auch die fahrenden Gaukler und Minnesänger in den Kammern, besonders im Sommer, wenn die Stallungen nicht mehr genug Platz für das fahrende Volk boten. Aldrĭn war selten in diesen Gängen gewesen, denn die Regeln des Hofes geboten es ihm, sich nur in Gesellschaft des Adels aufzuhalten. Deswegen wusste er auch nicht, wohin die Tür führte, die das Ende des Ganges bildete und durch die Arkil jetzt hindurchging. Es musste sich um den Eingang zum Westturm handeln, wie Aldrĭn vermutete. Diesen hatte er bisher nur über die äußere Treppe erklommen, die von der Zinnmauer auf den Rundturm führte.
Die Wendeltreppe im Inneren hatte er nicht gekannt. Umso mehr erstaunte es ihn, dass sich auf dem Weg abwärts keinerlei Fackeln oder Kerzenständer an den Wänden befanden und es ihm nach kurzer Zeit schon schwer fiel, die Stufen unter sich zu erkennen. Schließlich standen sie vor einer Tür und Arkil zog einen Schlüsselbund hervor, an dem eine Reihe massiver Schlüssel hing, wie sie in die schweren Schlösser der Schatz- und Ratskammern passten. Arkil öffnete die Tür und dahinter ging die Wendeltreppe weiter hinab. Doch nur einige Stufen darunter schien eine Fackel den Weg zu weisen, denn schummriges Licht ließ Aldrĭn zumindest die Konturen des kalten Steins erkennen, der die Treppe bildete. Arkil wies ihn an, vorauszugehen und verschloss die Tür hinter ihnen sorgfältig. Was hatte Aldrĭn nur zu erwarten, wenn sein Vater eine derart große Geheimniskrämerei darum machte?
Sie mussten inzwischen schon einige Klafter unter der Erde sein. Es kam dem Prinzen so vor, als hätten sich seine Augen bereits an die Dunkelheit gewöhnt, so lange gingen sie nun Stufen hinab. Außerdem wurde es zunehmend kälter und Aldrĭn glaubte sogar, Moos an den Wänden zu erkennen, was bedeutete, dass es hier feuchter als weiter oben war. Vielleicht näherten sie sich dem Grundwasser? Plötzlich endete die Wendeltreppe und Vater und Sohn befanden sich in einem Raum, der etwa so groß war wie die Waffenkammer, in der sie sich nachts zuvor gesammelt hatten. Die Wände waren mit Holz beschlagen, die Decke hingegen bildete glattes Gestein und Aldrĭn mutmaßte, dass man den Raum geradewegs in den unterirdischen Fels geschlagen hatte. An den Wänden hingen Fackeln, welche das Licht ausstrahlten, das er bereits von weitem gesehen hatte, und schwarze Spuren von Ruß am Gestein verrieten, dass diese Feuer schon lange brannten.
Ansonsten war der Raum völlig leer, nur einige Spinnenweben zierten seine Ecken. Am Ende der Kammer, das der Wendeltreppe gegenüber lag, befand sich eine weitere Tür, wieder mit einem großen Schloss darin, und Arkil nahm wiederum den Schlüsselbund hervor. Aldrĭn wagte nicht, zu fragen, wohin sie gingen, denn er glaubte, dass sich das Geheimnis im nächsten Augenblick lüften würde. Doch als sein Vater den Weg frei gemacht hatte, verstand er, dass sie ihr Weg noch weiter in die Tiefe führte.
"Nimm dir eine der Fackeln von der Wand!", wies Arkil seinen Sohn an und dieser löste die nächstgelegene aus ihrer Halterung. Sie durchschritten die Tür und Arkil verschloss auch diese hinter sich.
Nun gingen sie durch einen Schacht, der in den Fels getrieben worden war und genug Platz geboten hätte, um mit einer Kutsche hindurch zu fahren. Er führte aber stetig abwärts, sodass Aldrĭn vorsichtig sein musste, nicht auf dem glatten Gestein auszurutschen. Der feuchte Boden war von einem Geflecht verschiedener Moospflanzen bedeckt, er konnte Alvschimmel und Norrgenwurz auf dem Gestein erkennen. "Wie du weißt, waren die ersten Bewohner dieses Landes die Unterirdischen. Sie haben tiefe Stollen in den Bergen angelegt, um die edlen Metalle zu Tage zu fördern, welche im Berg schlummern. Aber die meisten Zugänge sind inzwischen verschüttet."
Sie befanden sich also tatsächlich bereits unter dem Drudenkofel, jenem Berg, an dessen Fuße das Schloss im Norden grenzte. Es dauerte eine lange Zeit, bis sich der Stollen in seiner Form änderte und merklich breiter wurde. Aldrĭn hatte erwartet, dass er schließlich schmaler werden und sie sein Ende erreichen würden, doch der Schacht mündete in eine Höhle. Diese war ungleich höher als der Tunnel, Aldrĭn konnte nicht einmal die Decke ausmachen, denn der Schein seiner Fackel reichte nicht aus, um über wenige Ellen hinaus etwas erkennen zu können. Es war offensichtlich, dass sie mindestens so groß sein musste wie der Thronsaal, denn die Schritte der beiden Besucher hallten bei jeder Bewegung nach, wenn auch kaum hörbar. Doch Aldrĭn bemühte sich darum, dass ihm keiner der spärlichen Eindrücke entging, die seinen Sinnen hier dargeboten wurden. Nach wenigen Schritten schon entdeckte er Gegenstände auf dem Boden liegen.
Da lagen Äxte und Steinhacken, Hämmer, einzelne Wagenräder und etliches weiteres Werkzeug, das Aldrĭn bisweilen fremd vorkam und offenbar von den Unterirdischen bei Aufgabe des Stollens zurückgelassen worden war. Was am wunderlichsten an allen Dingen schien, war ihre Größe, weil die meisten Gegenstände in ihrer Form zwar denen zumindest ähnlich sahen, welche die Menschen benutzten, jedoch immer etwas kleiner ausfielen. Plötzlich blieb Arkil stehen und sah sich um. Aldrĭn hielt ebenfalls inne und richtete die Fackel abwechselnd in alle Richtungen, um mehr von der Höhle erkennen zu können.
"Lösch sie!", wies Arkil ihn an. Aldrĭn wunderte sich über diese Aufforderung, zumal er nicht verstand, wie er die Fackel hier löschen sollte. Doch bevor er den König danach fragen konnte, erkannte er, dass unmittelbar neben seinen Füßen Wasser im Schein der Fackel funkelte.
Bei genauerem Hinsehen konnte er erkennen, dass es sich um ein größeres Reservoir handeln musste.
Ohne weiter darüber nachzudenken, tauchte er den Stab hinein und unter lautem Zischen erlosch die Flamme. Nun war es stockdunkel um sie herum und Aldrĭn erschauderte, denn zu der Stille kam eine plötzliche Finsternis, welche die beiden Männer zu verschlucken schien. "Er ist schon hier", flüsterte Arkil bedeutungsvoll. Und tatsächlich dauerte es nur wenige Augenblicke, bis Aldrĭn ein Glitzern in der Dunkelheit zu sehen glaubte. Erst war es nur ein einzelner Lichtpunkt, der vor ihnen aufblitzte und immer heller wurde, kaum abzuschätzen, in welcher Entfernung. Dann funkelte es auf einmal in der ganzen Höhle und etliche Lichtquellen flammten nacheinander auf, sodass alles in einem weißbläulichen Schimmer erglänzte. Aldrĭn sah sich in seiner Vermutung bestätigt, dass die Höhle in etwa die Größe des Thronsaales besaß. Von der Decke hingen Tropfsteine, die mehr als eine Elle maßen, und auch auf dem Boden der Höhle wuchsen einige in die Höhe. Das Wasser aber, in dem Aldrĭn die Fackel gelöscht hatte, gehörte zu einem unterirdischen See, der direkt vor seinen Füßen begann und einen großen Teil des Raumes vor ihnen ausmachte.
Außerdem entdeckte der Prinz nun mehrere dunkle Löcher in der Wand, die vermutlich in andere Stollen führten. Die Stollen endeten ebenfalls in der Höhle, waren aber allesamt kleiner als jener, durch den sie gerade gekommen waren. Das plötzlich erschienene Licht wurde offenbar vom Fels selbst abgesondert. Aldrĭn traute sich nun, da er die ganze Höhle überblicken konnte, etwas näher an eine der Wände heranzutreten. Er erkannte, dass im Gestein einzelne Kristalle hervorragten, welche von milchig blauer Farbe waren und derart hell glitzerten, dass sie für die Beleuchtung ihrer Umgebung sorgten. Doch warum hatten sie erst angefangen zu leuchten, als Aldrĭn das Feuer gelöscht hatte? Er sah wieder zu Arkil hinüber. Sein Vater hatte seinen Blick auf die andere Seite des Sees gerichtet und als der Prinz hinüberschaute, sah auch er es.
Als wäre er direkt aus der Felswand gekommen, trieb ein zierlicher Kahn, nicht größer als ein einfaches Ruderboot, über den See auf den König zu. Darauf stand eine kleine, rundliche Gestalt, dessen Gesicht beinahe gänzlich hinter einem buschigen Bart verschwand. Seine Arme fielen seitlich vom Körper ab und sahen aus, als seien sie wesentlich zu klein geraten für den Rest des massigen Leibes, der in ein erdfarbenes Lederwams eigeschnürt. Das Männlein machte keinerlei Anstalten, zu Rudern oder das Boot sonst wie vom Fleck zu bewegen, es schien wie von selbst über das spiegelglatte Wasser zu fahren. Schließlich legte der Kahn an und sein Steuermann kletterte herab. Aldrĭn trat einige Schritte auf Arkil zu. Er traute dem Ankömmling noch nicht.
Nun konnte er dessen Füße sehen, die zu seinem Erschrecken nicht in Zehen endeten, sondern wie die einer Gans geformt waren, mit kleinen Krallen, zwischen denen sich Schwimmhäute spannten. Insgesamt war das Wesen aber nur etwa halb so groß wie der König, was seinem grotesken Aussehen etwas von seiner Unheimlichkeit nahm. Ein Unterirdischer, dachte Aldrĭn.
Das Zwergenvolk war vor hundert Jahren ins Gebirge zurückgewichen und ließ sich fortan nur noch selten im Königreich blicken. Seit Beginn des Krieges schließlich hatten nicht einmal die Reisenden, die den Pass aus dem Norden überquerten, einen Unterirdischen zu Gesicht bekommen und man vermutete bereits, sie seien gänzlich ausgestorben oder in andere Weltkreise übergesiedelt. Daher hatte auch Aldrĭn noch nie einen Unterirdischen gesehen, gleichwohl er um ihre einstige Existenz wusste. Sie waren die Ersten gewesen, die von allen Völkern Bergbau und Schmiedekunst beherrschten. Der Zwerg machte einige tapsige Schritte auf Arkil zu, blieb dann stehen und verneigte sich. Auch der König deutete eine Verbeugung an und begann zu sprechen: "Mein teurer Freund, wie ist es Euch ergangen?"
"Das ewige Leben nimmt seinen Lauf. Der Berg ist gesund, also sind wir es auch." Aldrĭn verstand den Sinn der Worte kein bisschen, Arkil aber entgegnete wie selbstverständlich: "Dann möget Ihr auch morgen noch den Segen der Alten bekommen." Jetzt erst warf der Unterirdische einen Blick zu Aldrĭn hinüber, der immer noch in einigen Schritten Abstand verharrte. "Wir fragen uns, ob dies der Junge ist, den wir gestern reich beschenkten?"
Aldrĭn wusste weiterhin nichts mit den rätselhaften Worten des Zwerges anzufangen und war froh, dass sein Vater ihm die Antwort abnahm: "Fürwahr, Eure Gaben haben ihn gesegnet und ließen ihn wohl gedeihen." Das Männlein watschelte auf Aldrĭn zu und begutachtete ihn genau. Der Prinz konnte nun direkt in seine funkelnden schwarzen Augen schauen, die ihn zu durchbohren schienen. Doch mit einem Mal zeichnete sich ein breites Grinsen hinter dem verfilzten Bart ab und der Zwerg meinte mit einem glucksenden Lachen: "Dann können wir es endlich wagen, die Tore zu öffnen!" Arkil nickte: "Es erfüllt mein Herz mit Freude, dass Eure Majestät derselben Meinung sind wie ich." Majestät? Dann war der sonderbare Gesprächspartner hier also ein Zwergenkönig? Dafür machte er allerdings einen äußerst schroffen und verlotterten Eindruck, fand Aldrĭn.
"Hat es dir die Sprache verschlagen, Ariowist?" Aldrĭn wusste nicht, was er sagen sollte und warf Arkil einen hilflosen Blick zu. "Ich denke, dass wir meinem Sohn einiges erklären müssen, bevor er sich der Ehre bewusst wird, der er soeben gewahr wird", sprach der große König zum kleinen.

***


(Die folgenden Seiten 53-60 des Buches sind in dieser Leseprobe nicht enthalten.)

***


"Jetzt, wo du König Gnorrin kennst, ist es an der Zeit, dich mit der Herausforderung vertraut zu machen, die vor dir liegt", sprach Arkil mit einem Blick zu dem Zwergenkönig. Dieser grummelte etwas, griff in einen Beutel, den er unter seinem Wams mit sich führte, und hielt daraufhin ein Häuflein in der Hand, das Aldrĭn zuerst für einfachen Sand hielt. Als Gnorrin damit zur Höhlenwand watschelte, warf er die Körnchen portionsweise gegen den Fels und überall, wo die leuchtenden Kristalle vom Zwergenstaub berührt wurden, schien der König sie zum Leben erweckt zu haben. Die Kristalle lösten sich aus ihrer Position im Gestein und wanderten wie Käfer über die Felswand zueinander, bis sie schließlich eine Szene ergaben, die an die prächtigsten Sternenbilder erinnerte. Figuren begannen, sich zu bewegen und miteinander zu tanzen. Aldrĭn traute seinen Augen kaum. Es war zwar nicht das erste Mal, dass er Magie zu sehen bekam, doch war das Schauspiel, das sich ihm hier darbot, von derartiger Schönheit und Perfektion, dass es kein üblicher Zauber sein konnte, wie ihn die Gelehrten am Hofe beherrschten. Nach einiger Zeit konnte der Prinz erkennen, dass zwei der Figuren, die über die Höhlenwand tänzelten, am wichtigsten zu sein schienen, denn sie waren größer als die anderen, ja sogar größer als Aldrĭn selbst, der in respektvollem Abstand zu der Szenerie stehen blieb. Die eine Figur trug etwas Zackenbewehrtes auf dem Kopf, was sicherlich eine Krone darstellte. Ihr gegenüber stand eine andere Figur, welche in lange Gewänder gehüllt war, die sie wie wabernde Rauchschwaden umgaben.
Dies musste der Apukune von Triga sein, der berüchtigte Fürst des Inselvolkes. Nun griff die Figur mit der Krone zu einem Gegenstand, den sie aus der Tiefe zu ziehen schien. Es war offenbar ein Schwert, denn die gekrönte Figur - Aldrĭn war sich inzwischen sicher, dass sie einen vergangenen König darstellte - erhob den Gegenstand und ließ ihn auf den Apukunen niederfahren. Dieser hielt einen Stab schützend über sich, um dem tödlichen Schlag zu entgehen und schließlich gelang es ihm, das Schwert des Königs aus dessen Hand zu schlagen, sodass die Waffe in hohem Bogen davon flog. Aldrĭn erschrak, plötzlich lösten sich Steine aus der Wand und das Schwert, eben noch an die Ebene des Fels' gebunden, wirbelte als realer Gegenstand haarscharf über seinen Kopf hinweg quer durch die Höhle und landete schließlich platschend im Wasser, wo es geradewegs versank. Das Schicksal des kristallenen Königs war damit besiegelt, denn entwaffnet blieb ihm nichts anderes übrig, als sein Heil in der Flucht zu suchen. Damit endete das Schauspiel und alle funkelnden Steine rutschten wieder zurück an die Stelle, an der sie mit dem Fels verwachsen waren. Abgesehen von denen, welche nun wohl am Grunde des Sees lagen. Der magische Staub löste sich wieder und schwebte wie von Geisterhand zurück zu Gnorrin, der seinen Beutel geöffnet vor sich hielt, in den das Pulver hineinströmte wie in den Glaskolben einer Sanduhr. Als auch das letzte Körnchen darin verschwunden war, schnürte der Zwerg das Säckchen ruckartig zu und steckte es wieder unter sein Wams. Für einen Moment war es still in der Höhle und keiner der Männer sagte etwas. Aldrĭn betrachtete nachdenklich die Stelle im See, an der das Schwert versunken war. "Hat es dir die Sprache verschlagen, Ariowist?", fragte der Unterirdische unwirsch. "Nein, Eure Majestät", erwiderte Aldrĭn direkt, doch in Wahrheit hatte der Zwerg seine Gefühlsregung schon ganz richtig gedeutet. Jetzt mischte sich Arkil wieder ein: "Was du gesehen hast, ist die Geschichte, welche in dieser oder ähnlicher Gestalt seit Generationen in unserer Familie an den nächsten Sohn überliefert wird. Es ist die Sage, die uns in Erinnerung rufen soll, welches Vermächtnis wir in uns tragen."
"Welches Vermächtnis meint Ihr?"
Jetzt traute Aldrĭn sich, offen zuzugeben, dass er nicht den leisesten Schimmer davon hatte, warum er all diese wundersamen Dinge heute Nacht zu Gesicht bekam. "Es wird einst einen König geben, der sich des heiligen Schwertes bemächtigt, das den Apukunen bezwingen kann", erklärte Arkil, "denn nur ein Schwert, das die Götter selbst geschmiedet haben, ist in der Lage dazu." "Das klingt alles mehr nach einer Sage als nach einer tatsächlichen Möglichkeit, ihn zu schlagen. Jede Waffe prallt an ihm ab, ohne ihm zu schaden, als sei seine Haut aus Stein", entgegnete Aldrĭn.
"Unsinn!", grummelte Gnorrin, "nicht jede Waffe. Deine Klinge vielleicht, aber die ist ja auch weich wie Butter, mein lieber Prinz."
Der Unterirdische lachte demonstrativ einige Male, dann sah er Aldrĭn unter seinen buschigen Augenbrauen streng an und erklärte: "Das Schwert, dessen du dich bemächtigen wirst, ist aus dem Stahl der Draken geschmiedet. Dem Stahl der Götter selbst! Und so alt, dass nicht ein Unterirdischer mehr lebt, der um diese Schmiedekunst weiß. Würdest du mit einem dieser Schwerter eurer Landsknechte versuchen, sie abzuwehren - es würde zerbersten wie ein Baum, der vom Blitz getroffen wurde!" "Wie kann es dann sein, dass noch kein König zuvor die Waffe gegen den Apukunen geführt hat?" "So geschah es doch!", wandte Arkil ein, "oder warst du nicht aufmerksam bei unserer kleinen Vorführung?" Aldrĭn überlegte einen Augenblick, dann fiel sein Blick wieder auf den See und er begriff: "Der König hat sie verloren." Arkil lächelte: "Ja, so kann man es sagen." "Doch, verloren! Das gute Stück", mischte Gnorrin sich empört ein, räusperte sich aber sofort entschuldigend. "Wie dem auch sei", setzte Arkil seine Erzählung fort, "es war in dieser Sage immerzu die Rede vom König, der den Apukunen mit dem heiligen Schwert bezwingen kann. Nur war dies an eine Bedingung geknüpft, die es allen Anwärtern bisher unmöglich machte, die Aufgabe zu vollbringen." "Eine Bedingung?", fragte Aldrĭn, der noch immer nicht ganz davon überzeugt war, was die beiden Könige ihm nahelegten.
Er konnte nicht glauben, dass es ein magisches Schwert sein sollte, dass ihren Feind vernichten konnte. Und noch weniger hielt er es für möglich, dass gerade er dabei eine entscheidende Rolle spielte. "Ja, derjenige, welcher das Schwert erfolgreich zu führen vermag, muss mutiger als Löwen, aber von gänzlich reinem Herzen sein, berichtet uns die Sage", meinte Arkil und sah Aldrĭn bedeutungsvoll an. "Und das ist - Ariowist!"
Aldrĭn bemerkte, dass beide Könige ihn auffordernd anblickten, was ihm das Gefühl gab, sich erklären zu müssen. "Jetzt rückt doch bitte heraus damit, was Ihr von mir erwartet?", fragte er kapitulierend. "Du bist der nächste Anwärter", antwortete sein Vater knapp.
Aldrĭn lächelte ungläubig: "Das kann nicht sein. Ich bin doch nicht - ohne Euch enttäuschen zu wollen, aber - reinen Herzens?" "Das Schicksal hat dich erwählt, Prinz", sprach Gnorrin bedächtig.
"Habt Ihr Euch je dieser Verantwortung gestellt, Vater?", fragte Aldrĭn aufgebracht und im nächsten Moment tat es ihm leid, die Frage so respektlos gestellt zu haben. Doch Arkil zeigte Verständnis für die Unruhe seines Sohnes: "Ich war der König, der das Schwert verlor, Aldrĭn", sagte er ruhig, "denn offensichtlich war ich nicht derjenige, den die Götter erwählt hatten." Aldrĭn nickte und suchte nach den richtigen Worten, doch bevor er erneut protestieren konnte, fiel Gnorrin wieder ein: "Das Schwert liegt jetzt am Grunde des Sees. Es ist gebannt an die Wurzel des Drudenkofels." Das waren sicherlich noch mehrere Dutzend Klafter! Völlig unmöglich, danach zu tauchen, dachte Aldrĭn. Doch er besann sich eines Besseren, statt schon wieder die Worte der beiden in Frage zu stellen. Es war wohl in dieser Nacht nichts Ungewöhnliches, dass man ihn mit unmöglichen Aufgaben konfrontierte. "Wie kann ich das Schwert erreichen?"
Arkil lächelte: "Es freut mich, dass du deine Aufgabe annimmst!" Was bliebe mir auch anderes übrig?
"Du wirst danach tauchen müssen!" Danach tauchen? Das war doch reiner Selbstmord! Im dunklen, eiskalten Wasser konnte er kaum ein paar Sekunden die Luft anhalten, geschweige denn ein Schwert finden. Doch wieder riss Aldrĭn sich zusammen und wartete ab, welche Lösung ihm die Könige dafür anbieten würden. "Dir wird nichts geschehen, denn du wirst sehen und atmen wie ein Meereslebewesen", versicherte sein Vater ihm.
Aldrĭn besah den düsteren Abgrund, der sich da in der Höhle auftat und es grauste ihm davor, blindlings ins Ungewisse zu springen. Doch trotz aller Befürchtungen hätte er seinem Vater zu jeder Zeit sein Leben anvertraut und es gab sicherlich kaum einen größeren Beweis seiner Treue als diesen. "Wird es den Krieg beenden, wenn ich Erfolg habe?", fragte er Arkil. "Das wird es", antwortete dieser ernst, "doch musst du nun den ersten Schritt tun." Aldrĭn seufzte und legte sein Gewand ab, sodass er nur noch Hemd und Hose trug. Dann setzte er langsam einen Fuß vor den anderen in Richtung des Sees. "Am Grunde des Sees", erklärte Gnorrin, "wirst du Angst haben. Aber zögere nicht, sonst bist du verloren!" Aldrĭn erschütterte jetzt nichts mehr. Seine Angst konnte ohnehin kaum größer sein. Also begann er langsam, einen Fuß ins Wasser zu setzen. Es war, wie zu erwarten, eiskalt und er zitterte immer mehr, je tiefer er sein rechtes Bein darin versenkte. Dann trat er auch mit dem anderen Fuß ins kalte Nass und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Noch einmal sah er sich um zu Gnorrin und Arkil, um eine letzte Zustimmung zu diesem wahnsinnigen Vorhaben zu bekommen.
Die beiden warfen ihm aufmunternde Blicke zu, weswegen der junge Prinz sich darauf besann, nicht mehr über die Gefahr nachzudenken und so schnell wie möglich unterzutauchen. Mit jedem Schritt, den er nach vorne machte, versank er tiefer, denn es ging steil bergab. Schließlich tastete sein Fuß die Kante, von der aus es senkrecht in das Erdinnere ging. Inzwischen hatte er sich, soweit es möglich war, an die Kälte des Wassers gewöhnt. Also holte er tief Luft und tauchte dann ein in den dunklen Abgrund. Es dauerte nur wenige Schwimmzüge, bis sich bewahrheitete, was Arkil versprochen hatte. Er konnte zunehmend besser die Umrisse der Felswände erkennen, die ihn umgaben, und schließlich war es so hell wie eben noch in der Höhle um ihn herum. Aldrĭn erkannte, dass es auch hier die leuchtenden Kristalle im Fels waren, die ihm Licht spendeten.
Doch allmählich wurde ihm die Luft knapp.
Dann hoffen wir mal auf das Wunder, dachte er, während er vorsichtig begann, durch seine Nase zu atmen, um im Zweifelsfall direkt wieder nach oben zu schwimmen. Doch es geschah wieder so, wie sein Vater es ihm versichert hatte. Aldrĭn konnte tiefe Atemzüge nehmen, als sei er an Land und Luft würde in seine Lungen strömen. Beflügelt von dieser wundersamen Erfahrung schwamm der Prinz mit kraftvollen Zügen weiter in die Tiefe. Er konnte kaum einschätzen, wie lange es gedauert hatte, bis zum Grund zu gelangen, doch musste es schon eine beachtliche Strecke gewesen sein, die er zurückgelegt hatte. Seine Arme schmerzten bereits vor Anstrengung, als er endlich den Boden des Sees erkennen konnte, der hier unten einen wesentlich kleineren Durchmesser besaß. Hoffentlich musste er das Schwert nicht noch unter Kraftaufwand aus einer Felsspalte oder ähnlichem befreien! Auf allen Vieren setzte er auf dem Fels auf, der den Grund bildete. Langsam krabbelte er nun über das Gestein, doch ein Schwert, oder überhaupt irgendeinen anderen Gegenstand als Algen und Kiesel, konnte er nicht ausmachen. Plötzlich stieß er mit der Hand gegen etwas Hartes und als er prüfend den Boden abtastete, erkannte er, dass seine Suche erfolgreich war. Da lag es tatsächlich vor ihm, genauso wie es die Kristalle dargestellt hatten, doch über und über von Algen bedeckt. Nachdem er die Waffe provisorisch vom Gewächs befreit hatte, sah er eine Klinge von beinahe zwei Ellen, die in einem matten Gold schimmerte. Erleichtert steckte der Prinz das Schwert in seinen Gürtel und stellte sich aufrecht auf den Boden, um sich dann für den Rückweg kraftvoll abzustoßen. Als er aber nach oben sah, überkam ihn das Grauen. Unmittelbar über ihm, vielleicht einen Schwimmzug entfernt, befand sich mit einem Mal eine undurchdringliche Felsplatte. Aldrĭn schwamm vorsichtig in Richtung der plötzlich erschienenen Decke und tastete sie prüfend ab, um nicht etwa auf eine Sinnestäuschung hereinzufallen. Doch das harte Gestein gab nicht nach, so sehr er auch dagegen drückte. Er sah sich noch einmal in der Unterwasserhöhle um. Es gab keinen Ausgang mehr. Er war tatsächlich gefangen! Panik überkam ihn, hektisch schwamm er hin und her, um auch keine Öffnung in seiner Kerkertür übersehen zu haben.
Stattdessen fand er etwas, das sein Entsetzen nur noch wachsen ließ: Auf dem Grund des Sees lagen Menschenknochen, ja sogar ganze Skelette, die ihn aus ihren schwarzen Augenhöhlen anzuglotzen schienen. Das waren die Ertrunkenen, die vor ihm gekommen waren und das gleiche Schicksal erlitten hatten wie er jetzt! Verzweifelt wandte er seinen Blick von den unheimlichen Gerippen ab, als das nächste Unheil über ihn kam. Denn mit einem Mal spürte er, wie die Luft um ihn herum dünner wurde und er sich schließlich am Wasser verschluckte. Reflexartig hustete er und stieß damit die Luft aus, die noch in seinen Lungen war. Wolken aus Luftblasen stiegen vor seinem angsterfüllten Gesicht auf und zerstoben an der Felsdecke. Jetzt war es vorbei, er konnte den Atem nur noch wenige Momente anhalten. Schon sah er sich neben den modernden Totenmännern auf dem algenbewucherten Grund verrotten, da war ihm, als halle die Stimme des Zwergenkönigs in seinem Ohr wider: "Am Grunde des Sees wirst du Angst haben. Aber zögere nicht, sonst bist du verloren!" Der Prinz schloss seine Augen, um sich nicht ganz von der Todesangst übermannen zu lassen.
Da kam ihm mit einem Mal eine letzte Idee und er zog das Schwert aus seinem Gürtel. Mit seiner verbleibenden Kraft stach er mit der Spitze der Waffe gegen das Gestein. Der Fels bekam einen tiefen Riss an der Stelle, wo er ihn getroffen hatte. Noch einmal hieb er mit dem Schwert gegen die Decke und da zerbrach diese ganz und gar über ihm. Schützend hielt Aldrĭn die Arme über seinen Kopf, um nicht von den herabsinkenden Gesteinsbrocken getroffen zu werden, doch diese sanken langsam wie untergehende Schiffe um ihn herum herab und schlugen dumpf auf den Boden auf, wo sieWolken aus Sand aufwirbelten. Gerettet war Aldrĭn nun aber noch nicht. Er steckte das Schwert zurück in den Gürtel und machte einige Schwimmzüge der Oberfläche entgegen, jedoch es war zu spät! Ohne es kontrollieren zu können, holte er tief Luft und bereitete sich darauf vor, eine Menge Wasser zu schlucken. Es kam anders als erwartet. Mit einem Mal konnte er wieder atmen wie zuvor.
Ungläubig sah Aldrĭn nach unten, um sich zu versichern, dass er dies alles nicht nur träumte und womöglich schon ohnmächtig neben den Skeletten der verunglückten Taucher lag. Doch da ruhten die Gesteinsplatten, die er soeben zum Grund befördert hatte und um sie herum legte sich langsam der aufgewirbelte Kies. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder gleichmäßig atmen konnte und diese Zeit nahm er sich, um sich von der Anstrengung und dem Schrecken zu erholen. Schließlich fühlte er sich bereit für den Rückweg und schwamm wieder nach oben, in Richtung der Höhle, aus der er gekommen war, bevor er in diesen schrecklichen Abgrund herabgetaucht war. Der Rückweg kam ihm kürzer vor, auch wenn es kräftezehrender schien, bergauf zu schwimmen, doch diesmal - so hoffte er zumindest- erwartete ihn keine weitere Prüfung am Ende des Wassers. Endlich erreichte er die Oberfläche und schleppte sich schwerfällig an Land.
Alle Muskeln seines Körpers waren müde, die nasse Kleidung hing bleischwer an ihm herab und er zitterte auf einmal am ganzen Leib, denn nun überkam ihn die Kälte, die er unter Wasser kaum wahrgenommen hatte.
Erschöpft ging Aldrĭn auf die Knie und sein Vater eilte zu ihm. Der Zwerg Gnorrin stand grinsend neben seinem Kahn und verschränkte die Arme. "Ich hab's dir gesagt, er kann es!" Zufrieden lachte der kleine König, dann kletterte er wieder in sein Boot und stieß sich mit einem langen Stab vom Fels ab. "Mögen die Götter ihre schützende Hand über dich halten, Ariowist!", rief er zum Abschied und dann verschwand das Boot in einem der kleineren Höhlenausgänge, die auf der anderen Seite des Sees lagen. "Hab Dank, alter Freund!", rief Arkil ihm hinterher, während er seinem Sohn half, das nasse Hemd auszuziehen und ihm sein Gewand umlegte. Bibbernd richtete Aldrĭn sich auf und versicherte sich noch einmal, dass er das goldene Schwert bei sich trug. "Du hast es geschafft. Du wirst uns retten", sprach Arkil stolz und legte seine Hand anerkennend auf Aldrĭns Schulter. "Jetzt gerade würde ich aber lieber in mein warmes Bett", gestand der frierende Prinz.
Arkil lächelte: "Natürlich, wir sollten uns jetzt rasch ins Schloss zurückbegeben und den Berg in Frieden lassen."
Mit diesen Worten machten sie sich auf und verließen die unterirdische Höhle, stiegen wieder den Schacht hinauf und gelangten schließlich in den holzbeschlagenen Raum, welcher vor der Wendeltreppe lag. Als Aldrĭn sich auf dem Weg noch einmal umsah, konnte er von der Höhle schon nichts mehr erkennen, denn die Kristalle hatten aufgehört, zu scheinen, sobald er sie verlassen hatte. Er fand es nach wie vor befremdlich, dass er soeben mir nichts dir nichts zum geborenen Helden erklärt worden war. Er fühlte sich weder so mutig wie ein Löwe, noch hatte er ein reineres Herz als andere. Nein, makellos war er nun wirklich nicht! Und so schwirrten noch etliche unbeantwortete Fragen in seinem Kopf herum, als er den Weg mit seinem Vater zurückging, der beide Türen wieder sorgfältig hinter sich verschloss. Am oberen Ende der Wendeltreppe angekommen, atmete er erstmals auf, denn endlich wurde die Luft spürbar wärmer als unter der Erde. Er triefte immer noch vor Nässe, die in seiner Kleidung und seinen Haaren hing. Als sie den Gang entlangliefen, durch den sie zur Wendeltreppe gekommen waren, rückte der Prinz mit den Fragen heraus, die ihn am meisten beschäftigten. "Gnorrin hat mich immer wieder mit einem Namen angesprochen, den ich nicht kenne. Was bedeutete er?" "Ariowist, richtig. So nennen die Unterirdischen ihre größten Anführer. Nur wer ein mächtiges Heer hinter sich vereinigen kann, bekommt bei ihnen diesen Titel verliehen", erläuterte Arkil. "Und warum", fragte Aldrĭn weiter, "vertraut Ihr diesem Zwerg? Und er Euch?"
"Es ist schon viele Jahre her, doch einst herrschten gänzlich andere Sitten zwischen den Alten Völkern und uns. Und ich halte es eben für weiser, sich ein paar Freundschaften aus diesen guten Zeiten zu bewahren. Auch wenn ich das am Hofe nicht vertreten kann", meinte Arkil und Aldrĭn glaubte, einen wehmütigen Unterton in seiner Stimme zu bemerken. "Ich verstehe." Doch als sie vorm Thronsaal stehen blieben, um sich für die Nacht zu verabschieden, hatte er noch eine Frage auf dem Herzen, die ihm sein Vater zuvor beantworten musste.